Review Braugarten Pale Ale No1

Braugarten Pale Ale No1

Manche Dinge kann mensch für Geld nicht kaufen. So auch das Braugarten Pale Ale No1. Egal wie viele Milliarden Rubel im Koffer liegen. Das ist auch bei diesem Ale der Fall. Denn Braugarten ist das ursprüngliche Hobby-Projekt einiger Enthusiasten aus Osnabrück, die ihre Faszination für hochwertige Spirituosen und Biere in die Kreation eigener, handgemachter Biere gewandelt haben. Tomas,  Jan und Konsorten hatten vorher im, thematisch mit diesem Blog hier recht identischen, Blog Blong Drink über primär Whisky, Bier jedweder Art und andere geistreiche Getränke geschrieben. Das machen sie sogar schon relativ lang, seit sieben Jahren immer mal wieder. Tomas, den ich auch via Google Plus schon länger kenne, dazu im BBD:

„Irgendwann Anfang 2015 lagen Plattfuss und ich also bei unseren Getränken und beschlossen, wir müssten nun endlich mal vom Schreiben zur Tat übergehen – und anfangen Bier zu brauen.“ 

Also haben sich die Freunde zusammen gefunden und einfach angefangen, „Homebrew“ im wahrsten Sinne des Wortes zu brauen. In einem Schrebergarten. Daher: Braugarten. Private Microbreweries (funky Buzzword :D) dürfen nach deutschem Recht 200l brauen für sich und brauchen auch so nen Bullshit wie das bajuwarische Alpenkatholiban-Reinheitsgebot nicht so sklavisch beachten. Bier brauen wollten ein Kumpel und ich auch schon dutzende Male anfangen, und es gibt einige Sets, aber es ist bisher nie was geworden. Ein sehr guter Freund, Gerrit, hat in Vergangenheit öfter mal versucht, Bier zu brauen, und das hat sogar so gut geklappt, daß ich ihm mal die Reste seines selbst gebrauten Porters aus dem Kühlschrank trinken MUSSTE. Sprich, Gerrits Versuch war ebenfalls sehr erfolgreich. Sicher sind Homebrews immer etwas anders als „Industriebier“, aber eben das macht die Faszination aus. 

Braugarten Pale Ale No1 frisch ausgepackt
Braugarten Pale Ale No1 frisch ausgepackt

Die Braugarten-Crew, bestehend aus Ben, Jan, Tobi und Tom, fing also an zu experimentieren, die gesamte Geschichte lässt sich hier und hier nachlesen. Im letzten Sommer kam ein Altbayrisch Dunkel, zu Weihnachten ein Weihnachtsbier und Ende Mai ein Pale Ale, das Braugarten Pale Ale No1. Ale! Ja, da wurde der Frank hellhörig, denn wie mensch hier auf dem Blog lesen kann sind Ales aller Art genau mein Ding. Also flugs mal Tomas angeschnorrt, ob denn da noch ein Fläschchen für ein Review vorhanden wäre. Jan war dann so nett, mir ein Paket mit einer Flasche des Braugarten Pale Ale No1 zukommen zu lassen. Innerhalb von kürzester Zeit kam das Bier sicherstens verpackt an und ich musste es sofort aufreißen und bewundern.

Eine schöne braune 0,33l Glasflasche kam zum Vorschein. Mit einem netten Etikett. Find ich sogar ganz ansprechend, denn grade was Etiketten angeht sind viele Kleinbrauereien, die gute Biere machen, katastrophal. Beispiel ist unsere Lahnsteiner Brauerei, die top Biere macht und deren Chef und Brauer auf einem anerkannten Top Level brauen, deren Etiketten aber meistens aussehen, als ob sie in den 70ern auf Acid im Waldorf-Kindergarten entworfen wurden… Da zB die Craftbiere der Lahnsteiner teuer sind, denn Qualität hat ihren Preis, finde ich es oft unglücklich, wenn das Design der Etiketten so altbacken aussieht.

Und deswegen finde ich das Etikett des Braugarten Pale Ale No1 sehr gut. Denn das ist ja Craftbier von Enthusiasten in kleinster Auflage. Super-Micro-Brewery quasi :D.  Einfach, aber nicht hässlich. 

Kommen wir zu den inneren Werten des Braugarten Pale Ale No1. Es ist, wie der Name bereits sagt, ein Pale Ale. Pale Ales sind normalerweise recht helle Ales, aber es gibt sie auch in Dunkel. Ein obergäriges Bier, meist bei 15°C-20°C gebraut. In Großbritannien ist das Pale Ale seit über 300 Jahren ein typischer Vertreter der Ales. Nach dem Wechsel von Holzfeuer zu Koksfeuer beim darren des Malzes wurde das Ale heller, das Pale Ale war geboren. Pale Ales mit höherem Alkohol-Anteil nennen sich IPA, Indian Pale Ale, da der höhere Alkoholanteil die Biere für den langen Transport nach Indien haltbarer machen sollte. Bei IPAs war eigentlich geplant, daß diese dann am Ursprungsort, eben zum Beispiel in den indischen Kolonien, mit Trinkwasser wieder auf die Stärke von normalem Pale Ale runter gepanscht werden sollten. Aber das hat nicht so ganz geklappt, denn IPAs genießt mensch am besten mit eben mehr Dampf :D. Das Pale Ale verbreitete sich auch in anderen Ländern und sorgte für die Entstehung weiterer Pale Ale-Varietäten, wie zum Beispiel dem französischen Biére de garde oder aber den belgischen Pale Ales, welche eine eigene Tradition und Sortenvielfalt entwickelte. Das Braugarten Pale Ale No.1 hat 5,6% Alkohol. Ein guter Wert für ein Pale Ale. Ich persönlich finde, daß beim Ale mehr immer geht, solange es unter Bock-Niveau bleibt. Bei IPAs eh, da gehört es zur Definition, bei „smootheren“ Pale Ales aber auch.

Die verwendeten Hopfensorten sind Nordbrauer und East Kent Goldings. Ersteres ist wohl der Hallertauer Bazi-Hopfen, der oft verwendet wird, der East Kent ist ein bei Bieren von der Insel häufig verwendeter klassischer Ale-Hopfen. Als Malz kamen Wiener Malz, Münchner Malz, Caramalz und Farbmalz zum Einsatz. Das Quellwasser kam aus Brandenburg, warum auch immer, und es wurde ein wenig Zucker zugesetzt. Was ich persönlich nicht schlecht finde, ich bin persönlich auch durchaus ein Fan des Newcastle Brown Ale, aber da kommen wir noch nachher zu. Als Hefe kam Safale S-04 zum Einsatz, eine ebenfalls für englische Ales sehr beliebte Hefe-Sorte, welche ursprünglich auch aus England stammt. Keep it real, keep it traditional.

Für das Braugarten Pale Ale No1 habe ich mir einen guten Zeitpunkt ausgewählt. Ich wollte es nicht einfach Abends nebenher einfach trinken, ein gutes Bier für einen guten Moment ist da besser. Daher wartete es noch eine Zeit lang im Kühlschrank, sodaß es auch auf angenehme 8°C runter gekühlt wurde. Nach einer Einladung durch meine Schwieger-Eltern zum Grillen dachte ich, das wäre doch mal das richtige Ambiente, um das Ale zu testen. Denn nichts passt so gut zu einem guten BBQ wie ein gutes Pale Ale. Also schön vor dem Genuss der Steaks (nicht daß diese den Geschmack verfälschen) eingeschenkt. Eine sehr feste Krone kam zu meiner Überraschung ins Glas. Siehe Bild. Fest und schon recht lecker. Die Farbe des Ales war recht dunkel. Farbmalz und Zucker halt. Das weckte durchaus Vorfreude, denn meine liebsten Ales sind recht dunkel (zum Beispiel das großartige Black Sheep Riggwelter Dark Yorkshire Ale).

In der Nase definitiv malzig süß, aber frisch, gar nicht schwer, nicht zu süß. Subtiler Hopfen, der etwas fruchtig ist. Das müsste der East Kent Goldings sein. Angenehm. Nicht direkt Zitrus, aber irgend etwas anderes frisches fruchtiges obstiges. Unterschwellig, nicht dominant, kein Hopfen-Amoklauf wie oft bei Craft-Ales. Im Mund sehr erfrischend, angenehm.  Sehr sehr subtil, sehr bekömlich. Erst ein Gefühl eines Bastards zwischen Alt und Pils, aber dann doch anders. Denn es kommt eine Art „Cola“-Geschmack (Weingummi-Colafläschchen? Mezzo-Mix? Nicht genau Cola, da ist ne Orange-Komponente oder so dabei) dazu. Und nein, das heißt nichts schlechtes. Das von mir hochgeschätzte Newcastle Brown Ale hat haargenau diese „braune Limo“-Komponente in meinem subjektiven Geschmacksempfinden, ist aber aufgrund der recht laschen Volumenprozente (ja, ich bin da verdorben in der Hinsicht, alles unter 5% ist Light-Bier) eher wässriger.  Das Pale Ale No1 aber hat wieder etwas mehr Dampf. Obwohl es in Sachen Erfrischung trotzdem seine Sache super gut macht. Dann kommt irgendwann der Hallertauer Hopfen und übernimmt das leicht fruchtige Terrain des wohl vom East Kent stammenden Ale-typischen Geschmacks. Aber auch nicht unangenehm, was ich aber begrüße, da ich mit manchen deutschen Hopfensorten auf dem Kriegsfuss stehe. Der Abgang ist kurz, der Hopfen und damit die Säure im Abgang recht schnell weg. Es bleibt ein Gefühl der herben Frische. Und grade im Abgang ist es schwierig, den Hopfen so hinzukriegen, daß er erfrischt und nicht nach abgestandener Galle und Erbrochenem schmeckt wie zB in gewissen Pilsenern aus Byteburg… 😉 Ja, wie bereits gesagt, ich bin da empfindlich. Ich liebe stark gehopfte Ales, vor allem jene mit leichten Fruchtnoten, aber manche Industriebiere, vor allem dieses eklige Bit, da krieg ich das Kotzen, denn solcher Hopfen sorgt bei mir persönlich für ein extrem ungutes Gefühl. Hier ist alles perfekt und lecker. 

Fazit: Ein wunderbar gelungenes Experiment. Hier haben Hobbyisten gezeigt, daß sie mit viel Liebe und Herzblut ein Bier brauen können, welches auch Ale-Freaks wie mich überzeugen kann. Vor allem als erfrischendes Bier beim Grillen macht es sich perfekt. Eine Art besseres Newcastle Brown Ale, weil der „Frucht und Cola“-Charakter imho vorhanden ist, aber eben nicht so wässrig. Das hier ist auch ein Bier, von dem mehr wie eins (oder zwei oder drei) getrunken werden kann. Viel Craftbiere, aber auch viele IPAs oder Porters oder exotische Stouts, sind ja dermaßen komplex und heftig, daß es dort nur wirklich Spaß macht, wenn mensch bei einer Flasche davon bleibt. Nicht so hier, das wäre perfektes Bier für eine Party. Eben weil es so gut runter geht, erfrischt und einfach süffig ist. Es war mir eine wahre Ehre, hier ein Bier probieren zu dürfen, welches gar nicht zu kaufen ist. Exklusiver geht es nicht. Vielen Dank dafür. Und, wenn ich es richtig verstanden habe, wollen die Jungs auch einen Schritt weiter gehen und die Hobby-Produktion in Richtung echter Micro Brewery ausbauen, sodaß ich vielleicht irgendwann einfach einen 6er von diesem großartigen kleinen Ale auf braugarten.com bestellen kann.  Und als Aussicht auf kommende Experimente der Jungs auch sehr schön. Den Nordbrauer Hallertauer Hopfen vielleicht einfach mit Mandarina Bavaria-Hopfen austauschen, den East Kent aber drin lassen, 2-3% mehr Alkohol und das ganze wäre schon ein echt gutes Dark IPA :D. Aber auch so schon super.

 
 

 

8.9

Nase

8.5 /10

Zunge

9.0 /10

Abgang

8.5 /10

Qualität

9.5 /10

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